Film still »Euphoria«
Film still »Euphoria« | © Julian Rosefeldt

Lieber Julian, heute ist der 14. März 2022, Tag 19 eines in Europa geführten Krieges, dessen Ausbruch wir uns nicht hatten vorstellen können. Der russische Präsident, Wladimir Putin, hat am 24. Februar 2022 seinen Truppen den Befehl für den Einmarsch in die Ukraine gegeben. Die Arbeit an deiner neuen Filminstallation EUPHORIA wurde jäh gestoppt. Ihr wart inmitten von Dreharbeiten in Kiew, als weltweit die Regierungen ihre Bürger:innen zum sofortigen Verlassen des Landes mahnten. Wenngleich EUPHORIA auf den ersten Blick inhaltlich nichts mit diesem Konflikt zu tun hat, lässt sich auf den zweiten Blick erkennen, wie verknüpft diese Arbeit mit den gegenwärtigen Ereignissen ist – in einer Weise, in der es zu Beginn des Projektes kaum voraussehbar gewesen sein dürfte. Doch fangen wir von vorne an. Erste konzeptionelle Gedanken hattest du bereits 2013. Was war der Impuls für diese Arbeit?

Fragen zur Initialzündung meiner Projekte fallen mir im­mer schwer zu beantworten. Meist gehen ihnen lange Prozesse voraus, Recherchen, Verlinkungen zu anderen Projektentwürfen. Bevor sich eine Idee tatsächlich kon­kret formuliert, ist meist viel Zeit vergangen. Allgemein lässt sich vielleicht sagen, dass ich mich in der künstleri­schen Arbeit meinen Wissenslücken stelle. Ich benutze sie, um mir Themenkomplexe zu erschließen, die Fragen in mir auslösen oder über die ich schlichtweg zu wenig weiß. Die Ökonomie, zum Beispiel, war immer eine gro­ße Grauzone. Ich gehörte zu denjenigen, die den Wirt­schaftsteil der Tageszeitung überblätterten, da er mir unverständlich war und das, worüber darin geschrieben wurde, undurchdringlich und suspekt erschien. Doch die Gesetze der Wirtschaft gestalten essenziell die Welt, in der wir leben, daher wollte ich mich der Welt der Öko­nomie auf Dauer nicht verschließen. Ich habe mir dann zunächst Basiswissen angeeignet und die Grundlagen der Wirtschaftsgeschichte gelesen. Parallel dazu be­gann ich, eine Form zu suchen, die es mir erlaubt, sich mit den doch eher trockenen Wirtschaftstheorien auf sinnliche Weise auseinanderzusetzen. Wie auch in Manifesto, Meine Heimat ist ein düsteres, wolkenverhangenes Land oder American Night gehört es seit vielen Jahren zu meiner Methode, mit vorhandenem Textmate­rial zu arbeiten, das ich zerschneide, collagiere, editiere und daraus neue Texte herstelle, die ich dann in unsere Zeit transferiere und untersuche, inwieweit historisches Material oder Gegenwärtiges aus anderen Kontexten für das Heute sinnstiftend oder relevant sein können.

ALLGEMEIN LÄSST SICH VIELLEICHT SAGEN, DASS ICH MICH IN DER KÜNSTLERISCHEN ARBEIT MEINEN WISSENSLÜCKEN STELLE Julian Rosefeldt

Folgst du bei der Montage vorhandenen Materials bestimmten Kriterien? Du zwingst unterschiedliche, teils widersprüchliche Positionen in deinen Texten zusammen, sodass man als Zuhörer:in sehr wach sein muss.

Ich recherchiere sehr breitgefächert, lese alle mögli­chen Texte rund um das jeweilige Thema aus verschie­denen Zeiten und Perspektiven – ob es sich nun um deutsche Geschichte, den Gründungsmythos Nord­amerikas, um Künstlermanifeste oder in diesem Fall um Ökonomie handelt. Mich interessiert es, wider­sprüchliche Stimmen aufeinanderprallen zu lassen. In EUPHORIA zum Beispiel entfalten sowohl die Positionen der neoliberalen Marktwirtschaft ihre Verführung und Überzeugungskraft als auch die ihrer Kritiker.

Deine Unternehmung, den Kapitalismus zu fassen, ist eigentlich unmöglich, zum Scheitern verurteilt. Dieses »System« hat etwas Verschlingendes, auch die Kapitalismuskritik verleibt es ihm ein. Die eigene Position bekommt man zudem kaum in den Blick, weil man selbst Teil davon ist. Die neoliberale Marktwirtschaft der letzten Jahrzehnte ist enorm erfolgreich, obwohl die zerstörerische Wirkung auf Umwelt und sozialen Zusammenhalt längst offen zutage liegt. Hast du Antworten in deinem Arbeiten darauf gefunden, warum dieses System noch immer so populär ist?

Du hast recht. Der Kapitalismus bzw. die radikalisierte Form davon – die entfesselte, neoliberale Marktwirt­schaft – hat auch die Kritik daran längst absorbiert und instrumentalisiert. Dieses System ist bis heute so erfolg­reich und, abgesehen vom gescheiterten Experiment des Kommunismus, alternativlos geblieben, weil es sich der ureigenen menschlichen Neigung, etwas zu entwi­ckeln, sich zu steigern, zu wachsen, besser zu werden, in den Wettbewerb mit dem Mitmenschen zu treten, bedient. Dazu kommt die euphorisierende Wirkung von neuen materiellen Besitztümern und anderer Errun­genschaften. Das dabei kurzfristig ausgeschüttete Do­pamin führt uns schnell in eine immer enger getaktete Abhängigkeit. Wir werden, wie Philip Slater schon 1980 beschrieben hat, zu »wealth addicts«. Das verträgt sich übrigens auch bestens mit grüner Nachhaltigkeit und Sozialdemokratie. Es kann ja recycelt und gespendet werden.
Ich bin kein Wirtschaftsexperte. Ich versuche daher, nicht aufzuklären – auch wenn EUPHORIA vielleicht einen gewissen aufklärerischen und informativen Cha­rakter hat –, sondern vielmehr einen uns umgebenden vielstimmigen Choral aus verschiedenen Meinungen ertönen zu lassen – übrigens auch im wörtlichen Sinne: Es wird viel gesungen in EUPHORIA.

Erzähl doch bitte, wie du Bilder und Texte zusammenbringst.

Dadurch, dass ich die Textbausteine von ihren Quellen befreie, neu kombiniere, auch mit Bildern und Hand­lungsorten, die scheinbar nicht zusammengehören, werden die Zuhörer:innen aktiviert. Sie müssen sich selbst in diesen Asymmetrien zurechtfinden. Das ist sehr herausfordernd, besonders in dieser sehr text­lastigen Arbeit. Aber der veränderte Kontext schafft auch eine ungeheure Konzentration und Öffnung gegenüber den aus den ursprünglichen Zusammen­hängen gerissenen Gedanken. Diese Methode macht mir große Freude, denn es interessiert mich, eingefah­rene Erzählstrukturen sprachlicher und bildlicher Art zu unterlaufen. Die bekannten kulturellen »Gefäße«, in denen Inhalte traditionell transportiert werden, fordern viel Eigenleistung, verstellen aber auch den unvorein­genommenen Blick darauf. In Manifesto hatte ich die­ses Verfahren des Neukontextualisierens von Textbau­steinen auch angewendet. Durch die Montage hatte man die Chance, die in den Manifesten tradierten Ge­danken komplett neu zu entdecken. Sie wurden nicht verstellt durch die auratische Aufladung der Namen ihrer Urheber:innen oder deren damit gewöhnlicher­weise verbundenen Bildwelten.
In EUPHORIA habe ich Textfragmente aus 2000 Jah­ren Menschheitsgeschichte versammelt, Fragmente aus theoretischen, philosophischen und fiktionalen Texten, die die Geschichte der menschlichen Gier dokumentieren. Sie öffnen den Blick auf die Genese des Kapitalismus und seiner pervertierten Form, der völlig enthemmten neoliberalen Marktwirtschaft, wie wir sie heute erleben. Die meisten der verwendeten Texte stammen aber aus der Gegenwart. Gesprochen werden sie von Schauspieler:innen, denen wir in ver­trauten, alltäglichen Szenerien begegnen. Die Prota­gonist:innen dieser Szenen sind von der Gesellschaft marginalisierte Menschen: Obdachlose, unterbezahlte Arbeiter:innen aus Logistikzentren, Kinder aus armen Verhältnissen, Taxifahrer – sie alle diskutieren, mit einem ungeheuren Wissen ausgestattet, über die Pro und Kontras ökonomischer Ideen, Strömungen und Systeme. Da es sich – anders als bei Manifesto – nicht um poetische Texte handelt, bestand hier die Schwie­rigkeit darin, diese Gedankengänge in eine Verständ­lich­ und Sinnlichkeit zu übersetzen. Es wird für die Be­sucher:innen herausfordernd, vielleicht phasenweise aber auch nervig werden.

ES INTERESSIERT MICH, EINGEFAHRENE ERZÄHLSTRUKTUREN SPRACHLICHER UND BILDLICHER ART ZU UNTERLAUFEN Julian Rosefeldt

Du bist ein bildmächtiger Künstler. Welche Szenerien hast du für deine neue Arbeit gewählt?

Die Arbeit besteht aus verschiedenen Elementen. Da ist zum einen die lebensgroße Projektion von 150 Ju­gendlichen des Brooklyn Youth Chorus. Sie stehen um das Publikum herum und nehmen die Rolle des Chores aus der antiken Tragödie ein, der als Gewissen der Ge­sellschaft das Geschehen kommentiert. Dieser Chor kommuniziert musikalisch mit fünf Screens, auf denen Schlagzeuger:innen zu sehen und hören sind. Groß­artige Jazzmusiker aus den USA und Kuba, die Algo­rithmen, Zahlungsströme in Musik übersetzen. Sie sind die treibende Kraft. Dann gibt es einen Hauptscreen, auf dem sechs Szenen zu sehen sein werden. In ihnen sieht man zum Beispiel einen Taxifahrer durchs nächt­liche New York fahren, auf der Rückbank einen stil­len Fahrgast. Er philosophiert über die Zeit, in der wir leben. Draußen ist die Welt nicht mehr intakt, etwas muss passiert sein, seltsame Figuren bevölkern die Stadt. Die zweite Szene zeigt eine Gruppe Obdachlo­ser, die über die zwei großen konträren Wirtschafts­theorien debattieren – über einen staatlich regulierten versus einen entfesselten freien Markt. In der dritten Szene erörtern Fabrikarbeiterinnen die Ursprünge des Reichtums der westlichen Welt als Folge von Kolonia­lismus und Sklaverei. In der vierten finden wir uns in einer Bank wieder, in der wir einem kollektiven hyp­notischen Ritual beiwohnen, das komplett außer Kon­trolle gerät. In einem verlassenen Busbahnhof, der an eine der Ruinen der stillgelegten Automobilindustrie Detroits erinnert, skaten in der fünften Szene ein paar Teenager und entwerfen zukunftstaugliche Ideen, die über unsere Zeit hinausweisen. Und in der letzten Sze­ne begegnen wir in einem geschlossenen Supermarkt einem plündernden und marodierenden Tiger, der zy­nisch über die Menschheit räsoniert.

Dem Tiger verleiht Cate Blanchett ihre Stimme. Sie war schon in Manifesto die großartige Protagonistin. Virginia Newcomb und Giancarlo Esposito spielen mit, neben vielen anderen. Du arbeitest häufig mit Filmstars. Ist das einer Verkaufslogik geschuldet?

Nein, das kann ich mit Sicherheit sagen. Meine Zu­sammenarbeit mit Cate Blanchett ergab sich zufällig aus einem privaten Kontakt über einen gemeinsamen Freund. Bei EUPHORIA hat sich die Besetzung von Gi­ancarlo Esposito aus der Rolle ergeben. Ich zitiere eine Filmszene aus Jim Jarmuschs Night on Earth, in der Giancarlo schon einmal am Steuer eines Taxis saß, mit dem eigentlichen Taxifahrer auf dem Rücksitz, gespielt von Armin Mueller­-Stahl. Mich hat es gereizt, ihn 30 Jahre später wieder in dieses Taxi steigen und durch New York fahren zu lassen. EUPHORIA ist eine eng­lischsprachige Produktion – die Park Avenue Armory in New York ist die Hauptproduzentin – und die Beset­zung der Rollen lief deshalb unter anderem über eine Casting-­Agentin. Da kommen dann bei einem Open Call auch mal 1000 Bewerber:innen zusammen, davon werden 100 eingeladen, die schaut man sich alle an und nimmt die besten, die im Drehzeitraum verfügbar sind. Virginia Newcomb haben wir zum Beispiel auf diese Weise gefunden. Ich kannte sie vorher gar nicht. Ich kann aber sagen, dass ich gerne mit sehr guten Schauspieler:innen zusammenarbeite. Und sogenann­te Stars sind nun mal oft sehr gut.

Der Aufwand für EUPHORIA ist über den Zeitraum seiner Entstehung gewachsen, ja geradezu angeschwollen – liegt das in der Natur des Themas, dem das Wuchern inhärent ist?

Ich fürchte, das liegt eher an mir. Ich sage immer: Das nächste Mal wird es etwas Kleineres. Ich lüge mir da gerne in die Tasche. Wenn dann aber die Ideen lang­sam Form annehmen, der inneren Logik des Projek­tes folgend, beginnen die Projekte zu wuchern. Mein Malkasten ist der Apparat der Filmproduktion. Ich bin dankbar dafür, dass ich in diesen Maßstäben arbeiten kann und genieße das sehr. Das bedeutet aber auch, dass man mit allen Gewerken, die in die Erzeugung ei­ner solchen Produktion involviert sind, sehr strukturiert arbeiten muss. Und da greifen dann auch die Mecha­nismen der Marktwirtschaft. Drehzeit ist teuer. Wenn Du Fehler machst, erhöhen sich Leihkosten für das Material, Mitarbeiter:innen müssen länger beschäftigt werden etc. Die Arbeit ist äußerst intensiv. Ich probe vorher viel – das wäre im kommerziellen Kinogeschäft gar nicht möglich. Meine Projekte können nur realisiert werden, weil die Leute, mit denen ich arbeite, sich freuen, wenn ich alle paar Jahre mit einer Idee ankom­me. Die Mitwirkenden arbeiten unter ihren regulären Gagen, die Firmen zu anderen Bedingungen. Anders wäre solch eine Arbeit gar nicht möglich. Bei einem Kunstprojekt wie diesem entfällt ja quasi die kommer­zielle Verwertung. EUPHORIA lässt sich vermutlich au­ßerhalb der großen Festivals kaum verkaufen, und ob daraus jemals eine verwertbare Kinofassung entsteht, wie bei Manifesto, steht in den Sternen. Wir sind daher darauf angewiesen, dass das Team einen Teil der Ho­norierung aus dem gemeinsamen Erlebnis zieht. Und das ist immer ein großer Spaß, auch wenn wir dabei alle an unsere Grenzen gehen. Ich arbeite seit Jah­ren immer wieder mit denselben Leuten, es sind enge Freundschaften entstanden und wir freuen uns mit­einander, wenn es alle paar Jahre nach langer Recher­che und Vorproduktion wieder losgeht. Ich glaube, der Reiz einer solchen Produktion besteht unter anderem gerade auch darin, für etwas zu arbeiten, das sich den gewöhnlichen Gesetzmäßigkeiten der Vermarktung entzieht. Das setzt überraschenderweise ungeheure Energien frei.

Die Szenen spielen alle in den USA. Gedreht habt ihr aber nicht nur dort, sondern auch in Sofia und Kiew. Das hatte keine inhaltlichen Gründe.

Nein, hatte es tatsächlich nicht. Wir konnten in Bulga­rien und der Ukraine einfach deutlich günstiger produ­zieren als in den USA. Und es gibt dort hervorragen­de Filmstudios und Filmproduktionsfirmen. Während der Produktion haben wir viel darüber gesprochen, wie sehr wir selbst bei der Produktion einer kapita­lismuskritischen Arbeit in der Logik des Kapitalismus gefangen sind. Es gibt kein Entkommen. Wir sind alle nicht gefeit vor seinen Verlockungen und bezirzt von den Versprechungen, die dieses System jedem von uns macht, von seinen Möglichkeiten. Auch wenn das manchmal nur ganz banal heißt, etwas anderorts bil­liger zu bekommen. Kiew und Sofia hatten aber auch Motive und Locations zu bieten, über die wir ein etwas anderes, fiktionaleres und dystopisches Nordamerika erzählen konnten.

ES BRAUCHT EINE NEUKALIBRIERUNG UNSERES WERTESYSTEMS Julian Rosefeldt

»System« ist ja eigentlich auch ein Euphemismus, der die Verantwortung verschiebt. Wir sind das System.

Das stimmt. Der Erfolgszug des Kapitalismus ist ja inzwischen längst auch in Russland und China an­gekommen, auch wenn dies dort ideologisch anders verkauft wird und zu großen Friktionen führt, wie wir sie gerade erleben. Und was uns betrifft: Dass wir am Abgrund unseres Lebensentwurfs stehen, haben wir theoretisch begriffen, aber bislang ziehen wir kei­ne Konsequenz daraus. Ich halte allerdings nicht den Kapitalismus an sich für verwerflich, sondern seine völlig entfesselte und enthemmte Pervertierung in Form einer neoliberalen Marktwirtschaft, deren Kon­sequenzen – nämlich die himmelschreiende Unge­rechtigkeit der Verteilung von Wohlstand und Zugang zu Bildung und Gesundheit, die viel zitierte immer wei­ter klaffende Schere zwischen Arm und Reich – sich letztlich gegen uns wenden, von außen wie von innen. Die Entfesselung auf der einen Seite verursacht eine Entfesselung auf der anderen Seite. Das manifestiert sich in der wachsenden Wut der Benachteiligten auf die Profiteure, die dann in Phänomene wie Terroris­mus mündet oder dem Populismus Tür und Tor öffnet, letztlich auch in diesem Krieg, der auch als Krieg der Systeme gelesen werden muss. Da ich dennoch an der freien Entfaltung des Einzelnen festhalten möchte, aber nicht akzeptieren will, dass solch banale Amora­litäten wie die Anhäufung unglaublicher Besitzmengen durch einige wenige Profiteure der entfesselten Markt­wirtschaft unüberwindbar sind, glaube ich naiv, aber fest an einen Paradigmenwechsel. Mein Schlachtruf, der vielleicht auch so etwas wie ein Fazit in EUPHORIA ist, lautet daher: Educate capitalism!

Liegt in der gegenwärtigen Erziehung das Problem? Unser Bildungssystem richtet junge Menschen von früh an auf Konsum und Wettbewerb aus, auf Konkurrenz, lehrt, wie sie ihre Lebensläufe attraktiv für den Markt gestalten, weckt Begehren und definiert die Zeichen des Erfolgs, die nahezu alle materiell sind. Die Zeit für Geistesbildung wird verknappt, das frühere Eintreten in den Arbeitsmarkt als Vorteil verkauft.

Ich glaube, der Reiz einer solchen Produktion besteht unter anderem gerade auch darin, für etwas zu arbei­ten, das sich den gewöhnlichen Gesetzmäßigkeiten der Vermarktung entzieht. Das setzt überraschender­weise ungeheure Energien frei.
Es ist ganz klar: Es braucht eine Neukalibrierung unse­res Wertesystems. Cool und sexy sollte es bald nicht mehr sein, viel zu besitzen, sondern vielmehr gesell­schaftlich verantwortlicher zu handeln und zu teilen. Der Wunsch, sich frei zu entfalten, soll dabei weiterhin nicht staatlich unterdrückt werden, eine Gleichmache­rei wie im Kommunismus wünscht sich kaum jemand zurück. Und dennoch liegt für mich die Hoffnung in einem Werteverständnis, welches das Teilen über das Besitzen stellt. Es werden gegenwärtig bereits Ideen formuliert, die noch utopisch klingen, aber keine Uto­pie bleiben müssen. Ich bin hoffnungsvoll, ich be­obachte, dass sich unsere Kinder in diese Richtung schon auf den Weg machen. Die sind im Umdenken längst weiter als ich.

Warum trägt deine Arbeit den Titel EUPHORIA?

Der Titel begleitet mich jetzt schon seit vielen Jahren, in denen ich Texte und Ideen für das Projekt gesam­melt habe. Ich hatte nach einem Begriff gesucht, der die mitreißende Energie der kapitalistischen Idee zum Ausdruck bringt, der hemmungslosen Begeisterung an Besitz und Wachstum, die nicht nur Investmentban­ker:innen und Firmenchef:innen, sondern auch uns ergreift.

Ist Euphorie für dich angesichts der dystopischen Bilder, mit denen du sie in deinem Projekt einfängst, negativ besetzt?

Darauf gibt der Tiger zum Schluss eine Antwort, die ich nicht vorwegnehmen möchte.

Wie eingangs erwähnt, wurden deine Dreharbeiten zu EUPHORIA durch den Krieg gegen die Ukraine jäh unterbrochen. Kannst du uns die Situation beschreiben?

Wir waren in den letzten Monaten insgesamt vier Mal in Kiew und haben zweimal dort gedreht. Beim ersten Mal die Bankszene – wir hatten dafür die Wartehalle des Kiewer Hauptbahnhofs umgebaut. Der Dreh war wie ein surreales Fest. Während noch das Set gebaut wurde, wurden in der Halle Kostüme anprobiert, Tänze choreografiert; Magier:innen und Akrobat:innen pro­bierten ihre Tricks und Kunststücke. Fast 200 Leute waren vor und hinter der Kamera beteiligt, die Ener­gie war überall zu greifen, es hat bei aller Anstrengung unheimlich Spaß gebracht. Wir kehrten dann kurz vor Kriegsbeginn noch ein zweites Mal nach Kiew zurück, um weitere drei Szenen zu drehen. Eine hatten wir ge­rade abgedreht, als die Nachricht kam – es war die letzte Woche der Olympischen Spiele in Peking –, dass der US-­amerikanische Geheimdienst Informa­tionen hätte, denen zufolge Putin in ein paar Tagen den Angriff auf die Ukraine befehlen würde. Die USA und England riefen dann zur sofortigen Evakuierung ihrer Bürger:innen auf, Deutschland und andere euro­päische Länder folgten. Unsere ukrainischen Team­mitglieder lebten bereits seit acht Jahren in einem Infokrieg und haben, abgestumpft durch das ständige Säbelrasseln, diese Warnung nicht ernst genommen. Aber unsere amerikanischen und englischen Schau­spieler, die wir erwarteten, reisten nicht mehr an. Da wir die Verantwortung für unser Team nicht tragen konnten und wollten, schickten wir auch alle anderen aus Berlin angereisten Teammitglieder nach Hause. Ryanair hob seine Flugpreise an – Flüge für 28 Euro kosteten schlagartig 900 Euro. Auch ein Beispiel für die Wucherungen der entfesselten Marktwirtschaft – die Nachfrage nach einem gegebenenfalls lebens­rettenden Sitzplatz im Flugzeug regelt den Preis. Zu dritt blieben wir dann noch einen Tag, um mit dem ukrainischen Team wenigstens noch einige Räume zu filmen und Drohnenaufnahmen zu machen. Letztlich verließen auch wir das Land: sechs Tage, bevor der zi­vile Luftraum geschlossen wurde, wie sich dann kurz darauf herausstellte. Ich hoffte damals noch, nach kurzer Zeit wieder zurückkehren zu können. Es fühl­te sich falsch an, alles stehen und liegen zu lassen. Heute lebt die Familie unseres ukrainischen Loca­tion-­Managers mit uns in unserer Wohnung in Berlin, Freunde aus unserem Team in der Nachbarschaft und bei Freunden. Es werden weitere kommen. Und andere Teammitglieder, mit denen wir gerade noch gearbeitet und gefeiert haben, die glaubten, es würde nie so weit kommen, kämpfen jetzt und wir bangen um sie.

DER DREH WAR WIE EIN SURREALES FEST Julian Rosefeldt

Jetzt, beim Schneiden des Films, höre ich die Texte in einem neuen Resonanzraum und erschrecke, wie sie so vieles von dem, was wir gerade erleben, thematisie­ren und deutlich benennen. So lesen sich beispiels­weise Sätze von Tacitus aus der Obdachlosen-­Szene als exakte Zustandsbeschreibung: »Sie haben die Welt geplündert und das Land in ihrem Hunger nackt aus­gezogen. Sie werden von Gier getrieben. Sie verwüs­ten, sie metzeln nieder, sie reißen unter Vorspiegelung falscher Tatsachen alles an sich. Und all das bejubeln sie als den Aufbau eines Imperiums. Und wenn als Fol­ge daraus am Ende nichts als eine Wüste zurückbleibt, nennen sie das Frieden.« Der Krieg ist ein machtvolles Mittel, sich zu bereichern, nicht nur territorial, sondern auch in monetärer Form: Erst floriert die Waffenindus­trie des angreifenden Landes, und wenn das Land zerstört und die Schlacht gewonnen ist, kommen die feindlichen Bauunternehmen des vermeintlich be­friedenden Aggressors, die dann alles neu aufbauen. Auch deshalb wird so erbittert um den Sieg gekämpft. Wir haben das ja vor nicht langer Zeit im Irak gesehen.

Haben sich angesichts der umwälzenden, grausamen Er-eignisse Zweifel eingestellt am eigenen Tun, an der künst-lerischen Arbeit? Oder siehst du die Hinwendung an die Kunst in diesen Zeiten als rettende Kraft?

Die Ohnmacht trifft uns alle gleichermaßen. Fragen, was man mit seiner Lebenszeit macht, wofür man sich engagiert, werden natürlich vordringlicher. Aber konkret zu EUPHORIA: Wir werden dieses Projekt mit allergrößter Entschlossenheit zu Ende führen, auch wenn das jetzt andernorts geschehen muss. Jedes der Bilder, die wir bis jetzt gedreht haben, ist beseelt von der Leidenschaft und Hingabe unseres Teams aus Kiew und der ukrainischen Darsteller:innen. Allein zu wissen, dass alle Leute, die dort zu sehen sind, sich jetzt in den schmerzhaftesten Lebenssituationen be­finden, ist Motivation genug, weiterzumachen.

JULIAN ROSEFELDT, geboren 1965 in München, Filmkünstler. Seine perfekt choreografierten Filminstallationen werden weltweit gezeigt. Die Bilder scheinen aus der Welt des Kinos entsprungen, dabei greift Rosefeldt gesellschaftliche Themen, kulturelle Identitäten und Mythen in vielschichtigen Erzählformen auf und vereint Einflüsse aus bildender Kunst, Architektur, Popkultur und Film. An der Ruhrtriennale 2016 begeisterte seine Arbeit Manifesto das Publikum. Sein neues Werk EUPHORIA entstand über einen Zeitraum von fast einer Dekade. Zum Zeitpunkt des Gesprächs ist der Prozess noch nicht abgeschlos­sen, nicht zuletzt, weil Pandemie und Krieg die Fertigstellung vor immer wieder neue Herausforderungen stellen.